
Mir scheint diesmal ein kurzes Vorwort nötig. Es ist eher unüblich, ein Mitglied seiner eigenen Redaktion zu interviewen, oder? Und diesmal steht uns u.a. unsere Spiellust-Redaktorin Britta „Kinjiro“ Stöckmann Rede und Antwort. Aber man übernimmt im Leben verschiedene Rollen, und da Britta nun auch in die einer Spieleautorin schlüpft, will ich sie dabei auch unterstützen, was ich ganz offen gestehe. Sie hat bisher von Spielen anderer berichtet und dies immer sehr ehrlich und gerecht getan. Nun möchte ich ihr die Möglichkeit geben, ihr eigenes Spiel vorzustellen. Ich hasse zwar das sog. hypen, bei Britta kann ich aber sicher sein, dass sie sich und ihr Spiel präsentiert, ohne daraus mehr zu machen, als es wirklich ist. Und - nicht zuletzt - handelt es sich hier um die ersten deutschen Brettspieleautoren, die nicht in Deutschland, sondern in Polen ihr Debüt erleben werden. Da ich hier auch selber ein Körnchen mit Spiellust.net gesät habe, möchte ich auch etwas ernten können. Das Interview mit Britta und Jens, das ich jetzt auf der Seite zu lesen anbieten darf, scheint mir eine schöne Ernte zu sein.

pomimo: Seit wann beschäftigt ihr euch mit Brettspielen, und was spielt ihr besonders gern?
Britta: Ich habe schon als Kind gerne Brettspiele gespielt und hatte erfreulicherweise eine Freundin, die daran ebenfalls sehr viel Spaß hatte. Allerdings stand uns keine sehr große Auswahl an Spielen zur Verfügung. Eine paar Kinderspiele, Klassiker wie Cluedo oder Scotland Yard, außerdem Stratego, das wir von ihrem älteren Bruder auf unbestimmte Zeit ausgeliehen hatten, und natürlich Monopoly, was wir eine Zeitlang fast täglich spielten – mit dem Effekt, dass ich es seitdem nicht mehr so häufig aus dem Schrank geholt habe. Später erweiterte sich der Freundeskreis dann um eine Reihe von Personen, die mit Brettspielen nicht viel anfangen konnten, so dass das Hobby langsam einschlief.
Jens: Gemeinsam beschäftigen wir uns seit etwa 2003 mit Brettspielen. Zuerst haben wir einige alte Spiele aus Brittas Sammlung wieder hervorgesucht. Hotel fällt mir zum Beispiel noch ein. Aber dann haben wir uns umgeschaut, was es denn Neues auf dem Spielemarkt gibt, und begonnen, die Sammlung um aktuelle Titel aufzustocken. Carcassonne war natürlich darunter und viele gute Spiele von Michael Rieneck.
Britta: Mit dem Entwickeln eigener Spielideen haben wir eigentlich zur gleichen Zeit begonnen wie mit dem Spielen selbst – sofern ich die Würfellaufspiele nicht mitzähle, die ich als Kind für meine Freundin und mich gebastelt habe, um für etwas Abwechslung in der begrenzten Auswahl unserer damaligen Spielesammlung zu sorgen.
Die erste Idee, die ich mit Jens entwickelt habe, kam noch aus dem Lehrspielbereich und stellte ein Landeskundespiel für den Deutschunterricht dar, mit dem ich u.a. bei unserer ersten Teilnahme am Spieleautorentreffen in Göttingen für den Nachwuchspreis nominiert war. Seitdem liegt es allerdings in der Schublade.
pomimo: Ihr habt jetzt bald eure erste Veröffentlichung bei einem polnischen Verlag. Wie kam es zu der Entwicklung von Kazaam Dice?Britta: Kazaam Dice ist erst in diesem Jahr entstanden und hat eigentlich eine ganz lustige Entstehungsgeschichte. Sie fiel in die Zeit, als sich Jens gerade parallel zu seinem normalen Job aufs Examen vorbereitete und somit eigentlich absolut keine Zeit für Spiele hatte. Diesen Zeitmangel am Tag hat er jedoch umgangen, indem er den Spielentzug im Schlaf kompensierte. Das heißt, eines Morgens wachte er auf und erzählte mit einem nicht ganz ernst gemeinten Grummeln von einem Spiel, von dem er geträumt hatte, bei dem ich ständig gewonnen hätte. Das klang vielversprechend, fand ich. Ich ließ mir also alle Details, an die er sich noch erinnern konnte, berichten und fing an zu basteln.
Jens: In meinen täglichen Kaffeepausen haben wir dann getestet und die Idee weiterentwickelt, was Britta dann wiederum gestalterisch umgesetzt hat, bis wir schließlich bei dem Ergebnis angelangt waren, das jetzt in Essen veröffentlicht werden wird.
pomimo: Und wie seid ihr auf Kazaam gekommen? Warum die Fortsetzung eines bereits existierenden Spiels anderer Autoren?Britta: Zuerst hatte ich ein rein abstraktes Spiel gebastelt mit ganz normalen 6er-Würfeln, aber bei einer späteren Kaffeepause dachten wir uns, dass es doch noch mehr Spaß machen würde, wenn man ein passendes Thema finden könnte.
Jens: Auf Kazaam sind wir u.a. deshalb gekommen, weil Britta im letzten Jahr über die Spiellust-Seite Kontakte zu Wolf Fang geknüpft hatte und einen der Kazaam-Autoren, Tomek Majkowski, wie auch den Verlagschef, Marcin Posiadło, bei der Messe in Essen kennen gelernt hatte. Kazaam ist, wie wir finden, ein schönes Spiel, wir hatten viel Spaß an den liebevoll gestalteten Homunkulussen, und davon abgesehen schien uns die Story noch Potenzial für mehr zu bieten. Da wir ohnehin schon mit Wolf Fang im Gespräch waren, haben wir den Faden von Kazaam aufgenommen und die Geschichte der jungen Alchemisten, die jetzt in der Lage sind, Homunkulusse quasi in Serie herzustellen, weitergesponnen. Den fertigen Prototyp hat Britta schließlich mit nach Krakau genommen, wo er auf sehr positives Echo gestoßen ist. Wie sich herausstellte, passte das von uns gewählte Thema auch gerade gut in das Konzept des Verlags.
pomimo: Wie habt ihr den Prototyp hergestellt, d.h. wie sah er zuerst aus, wie hat er sich verändert, und in welcher Form wird das Spiel jetzt präsentiert? Lasst uns doch bitte einmal einen Blick in eure Werkstatt werfen.Britta: Wie gesagt haben wir zuerst ein abstraktes Spiel entwickelt mit ganz gewöhnlichen sechsseitigen Würfeln. Später, als wir uns auf das Thema Alchemistenlabor geeinigt hatten, wurden die Würfelfelder auf dem Spielplan durch Abbildungen der verschiedenen Homunkulusse aus dem Original-Kazaam ersetzt. Um es dem Gegner schwerer zu machen, fügten wir dem Spiel noch eine Barriere hinzu, die man sich zum Beispiel als verschiebbares Regal vorstellen könnte, das immer mal irgendwo im Weg steht, sowie die Figur des alten Lehrmeisters. Dieser Alchemist, der im Prototyp von einer Überraschungs-Ei-Figur verkörpert wurde, erwies sich nicht nur als nützliches taktisches Element, sondern auch als Blickfang, so dass der Verlag beschlossen hat, für Vorbesteller eine richtig modellierte Alchemistenfigur als Bestell-Bonus anzubieten.
Jens: Die Kombination aus Alchimistenfigur und Homunkulussen auf Spielplan und Würfeln steigerte den Spielspaß sofort merklich und wurde schließlich mit den Zutaten der Adepten abgerundet, die in Form von Chips auf verschiedene Weise eingesetzt werden können. Dabei ist einerseits bedauerlich, dass die herzigen Homunkulusfiguren des Kazaam-Spiels, die die Würfel unserer Testversion zierten, nicht mehr vorkommen werden. Dafür wird es ein neues Design geben, das stärker in Richtung Fantasy geht, worauf wir andererseits sehr gespannt sind. Denn mehr als ein paar stimmungsvolle Graphiken haben auch wir bislang nicht gesehen.
pomimo: Welche weiteren Unterschiede zum Original-Kazaam würdet ihr noch hervorheben? Britta: Da wir zum Testspielen ja zunächst immer nur die Kaffeepausen nutzen konnten, ist Kazaam Dice ein Spiel mit erheblich kürzerer Spieldauer geworden. Es ist also vielmehr in die Gruppe der Spiele einzuordnen, die sich gut für ein Spielchen zwischendurch, unterwegs oder zum Auf- bzw. Abwärmen beim Spieleabend eignen. Wir nehmen beispielsweise auf Ausflüge gern mal ein kleines, handliches Spiel mit, das sich gut im Café spielen lässt, d.h. nicht zu viel Platz benötigt, nicht länger als 20 bis 30 Minuten dauert und auch für zwei Personen den vollen Spielspaß bietet. Durch das Würfelelement ist Kazaam Dice leicht zugänglich und hält den Materialaufwand in Grenzen, bietet aber auf der anderen Seite auch taktische Tiefe durch die verschiedenen Möglichkeiten, die Würfel einzusetzen und an Siegpunkte zu kommen, sowie durch die Tatsache, dass die Homunkulus-Würfel, die man selbst einsetzt, auch vom Gegner mitgenutzt werden können.
pomimo: Wie kommt es eigentlich, dass ihr als - das sollte eigentlich betont werden - die ersten Deutschen euer erstes Spiel in Polen veröffentlicht?Jens: Sind wir das? Das ist in erster Linie Brittas guten Kontakten innerhalb der polnischen Spieleszene zu verdanken. Sie schreibt ja u.a. für Spiellust und Swiat Gier Planszowych und durfte in diesem Jahr sogar als Mitglied der polnischen Jury „Spiel des Jahres“ tätig werden, was aber wohl als eine einmalige Sache zu betrachten ist, wenn sie jetzt Spieleautor in Polen wird.
Britta: Dadurch dass ich in Poznan arbeite und den Großteil des Jahres in Polen bin, haben sich einfach mehr Gelegenheiten ergeben, Kontakte in die polnische Brettspielszene zu knüpfen als in die deutsche. Darüber hinaus sind wir beide auch Mitglieder in der
Polnischen Gesellschaft zur Spieleforschung (PTBG ), was sich gleich zu Beginn meiner Tätigkeit an der Uni über das Institut für Angewandte Linguistik ergeben hat. Außerdem besuche ich, immer wenn es mir möglich ist, die wöchentlichen Treffen des Posener Spieleclubs
Gramajda , und auf der Spiel’08 habe ich wie gesagt Marcin Posiadło und Tomek Majkowski von Wolf Fang kennen gelernt – so kam letztlich eins zum anderen. Selbst die Kontakte, die sich in Deutschland bislang ergeben haben, gehen zu einem guten Teil auf Polen zurück – zum Beispiel dadurch dass ich vor zwei Jahren mit meinen Studentinnen im Rahmen eines Übersetzungsprojektes eine Studienfahrt zum Thema Spiel nach Deutschland (unter anderem zum Spiele-Archiv Marburg und zur Messe in Essen ) unternommen habe, oder auch durch das Interesse einiger Mitglieder der
Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) an meinen Erfahrungen in der polnischen Brettspielewelt .
pomimo: Werden also weitere Spiele von euch in Polen folgen?Britta: Zunächst warten wir erst einmal ab, wie sich Kazaam Dice entwickelt.
Jens: Bei Wolf Fang ist im Augenblick noch ein weiteres Spiel im Gespräch, aber Genaueres dazu dann, wenn es konkreter wird.
pomimo: Wie ernst nehmt ihr das Spieleentwickeln – betrachtet ihr es als ein Hobby, oder wollt ihr es zu einem Beruf machen?Jens: Bekanntlich ist es ein langer Weg, um allein vom Beruf des Spieleautors leben zu können und nur sehr wenigen ist dies bislang vergönnt, aber wenn man den finanziellen Aspekt, also das vom Spieleerfinden-Leben-Können einmal beiseite lässt, stellen wir an uns selbst den Anspruch, stets ein bestmögliches Resultat zu erzielen und professionellen Ansprüchen zu genügen. Zu beurteilen, inwiefern es uns gelingt, diesen Vorsätzen gerecht zu werden, bleibt dabei natürlich anderen überlassen.
pomimo: Was denkt ihr über die polnische Spieleszene, und wie gefallen euch polnische Brettspiele?Jens: Ich kenne von einigen Besuchen in Poznan die Spieleabende von Gramajda und war im Rahmen der PTBG-Konferenzen bei der Poznan Games Arena. Beides hat einen sehr positiven Eindruck auf mich gemacht, wobei die Games Arena allerdings weniger auf Brettspiele zugeschnitten ist, sondern eher Computer- und Videospielfans als Zielgruppe anvisiert. Dennoch habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Brettspieleszene in Polen sehr lebendig ist und sich beständig weiter entwickelt, wovon z.B. auch die immer zahlreicher werdenden Spiele-Festivals in verschiedenen polnischen Städten zeugen. Diese hat zwar von uns beiden bislang nur Britta besucht, doch ich habe inzwischen auch eine ganze Reihe von Spielen polnischer Autoren gespielt. Aus dem Angebot von Wolf Fang gefallen mir Kazaam und Saigo no Kane besonders gut. Mein erster Kontakt mit einem polnischen Brettspiel war allerdings 2006 das Piratenspiel „Piraci“, das zum einen durch gelungenes Design und eine Fülle von Spielmaterial bestach, zum anderen aber sehr viel polnischen Text enthielt. Da ich damals einen ersten Anlauf nahm, ein wenig Polnisch zu lernen, schien es eine gute Idee, das Interesse für die Sprache mit meiner Spielebegeisterung zu verbinden. Allerdings reichten meine Sprachkenntnisse dann doch nicht allzu weit. Aber da der Spielekauf parallel zur PTBG-Konferenz stattgefunden hatte und Britta im Bereich Translatorik arbeitete, entstand die Idee, mit den Studenten einen Übersetzungsworkshop zu diesem Spiel zu organisieren. Von diesem profitierten letztlich alle: Für die Studies ergab sich zusätzlich zum Workshop eine Studienfahrt rund um den deutschen Spielemarkt, und ich konnte mich am Ende an einer deutschen Übersetzung von Piraci erfreuen.
Britta: Ein weiteres polnisches Spiel, das wir relativ häufig spielen, ist Neuroshima Hex, das im Gegensatz zu Piraci in der ersten Version nicht gerade durch sein Design bestach, aber bereits beim ersten Spielen überzeugte – und zwar nicht nur uns selbst, sondern auch fast alle Freunden und Bekannten, mit denen wir es in Deutschland spielten.
Im Spätsommer letzten Jahres folgte dann eine ganze Reihe Neuerscheinungen verschiedener Verlage. Neben Neuroshima vom Portal-Verlag gefallen mir von Wolf Fang ebenfalls Kazaam und Saigo am besten, außerdem spiele ich gerne Mozaika und Wolsung von Kuznia Gier sowie Zombiaki, das wir in der deutschen Version vom Truant-Verlag besitzen.
Die zweite Neuerscheinung von Wolf Fang dieses Jahr, „7“, deren Mechanismus auf dem von Saigo no Kane basiert, ihn aber weiterentwickelt, habe ich immerhin schon einmal als Prototyp getestet und muss sagen, dass sie ebenfalls sehr vielversprechend ist. Das Thema rund um die sieben Todsünden und die Aufmachung im Fantasy-Stil dürften auch jene Spieler ansprechen, die sich bei Saigo no Kane vom Thema Schule haben abschrecken lassen.
pomimo: Werdet ihr dieses Jahr in Essen dabei sein, wenn Kazaam Dice Premiere hat? Und welche Erwartungen habt ihr hinsichtlich der Messe?Britta: Da wir die Sprache der „Einheimischen“ sprechen, hat uns Marcin Posiadło vorgeschlagen, dieses Jahr den Stand zu betreuen. Im letzten Jahr hatte ich ebenfalls schon ein bisschen am Wolf-Fang-Stand ausgeholfen und Spiele in verschiedenen Sprachen erklärt, allerdings überraschte uns der Ansturm der französischen Spieler. Dieses Jahr sind wir aber vorbereitet, denn ich werde voraussichtlich zwei meiner Dolmetschstudentinnen aus Poznan mitbringen können, die in der Lage sind, neben Polnisch, Deutsch und Englisch auch auf Französisch, Italienisch und Russisch Spiele zu erklären.
Jens: Mir war es leider im vergangenen Jahr aus beruflichen Gründen nicht möglich, nach Essen zu kommen, so dass dies meine erste Erfahrung auf der anderen Seite des Standes sein wird – und das gleich mit einem eigenen Spiel. Ehrlich gesagt bleibt mir einfach abzuwarten, was da auf mich zukommen wird, doch ist die Messe in Essen ja immer ein Erlebnis, und so sehe ich dem Ganzen in freudiger Erwartung entgegen.

pomimo: Dann warte ich mit euch auf den großen Erfolg von Kazaam Dice.Vielen Dank für das Interview und zum Schluss noch eine Frage, auf die ich aber von euch keine Antwort erwarte. Die überlassen wir unseren Lesern: Ist also Kazaam Dice nun ein polnisches Spiel, da es in Polen veröffentlich wird, oder ist es - im Hinblick auf die Staatbürgerschaft der Autoren - eher ein deutsches Spiel?