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In Polen hat sich in den letzten Jahren einige Verstimmung über die genaue Definition des Preises „Gra Roku“ ergeben, was alle Spiellust-Leser, die des Polnischen mächtig sind, auf dieser Seite mitverfolgen konnten. Dabei ist u.a. bemängelt worden, dass die Verantwortlichen, die diesen Preis vor einigen Jahren ins Leben gerufen haben, sich nicht an ihre eigenen Ankündigungen hielten. Auf der Seite der Organisatoren heißt es in der Tat, dass der Preis „Gra Roku“ zum Ziel habe, Brettspiele in Polen populärer zu machen und die besten Titel, die hier herausgegeben werden, zu unterstützen, wobei die Hoffnung bestehe, dass der Preis in einigen Jahren ebenso bekannt sein und eine ebensolche Hilfe beim Spielekauf darstellen werde wie das deutsche „Spiel des Jahres“. Gerade dieser letzte Punkt sorgte für Unstimmigkeiten, denn vergleicht man die oben genannten Preise und ihre jeweiligen Sieger (bzw. nominierten Titel), erkennt man schnell, dass der Gra Roku sich wunderbar einreiht unter Deutschem Spielepreis, Juego del Año und Jeu de l'Année, aber dass alle diese Preise sich vom berühmten Spiel des Jahres, quasi dem Vorläufer aller übrigen Brettspielepreise, in einem wichtigen Punkt unterscheiden – nämlich der Zielgruppe. Während alle anderen Preise sich hauptsächlich auf die Gruppe der Vielspieler im jeweiligen Land konzentrieren, hat das Original eine etwas andere Ausrichtung. Wie auf der Website der Jury nachlesbar ist es so, „dass die Jury mit ihrer Tätigkeit nicht unbedingt die Spiele-Spezialisten und ihre Szene ansprechen will. Ihr Adressat ist das breite Publikum, das sich erfahrungsgemäß im riesigen Angebot an alten und neuen Spielen kaum mehr zurecht findet und deshalb auf eine unabhängige und gleichzeitig kompetente Orientierungshilfe angewiesen ist.“ Dies ist sicher auch ein Wunsch der Preisvergebenden in anderen Ländern, doch hat man hier – ähnlich wie beim Deutschen Spielepreis – stärker die Spieler im Blick als die breite Masse der (Noch-)Nicht-Spielenden.
Da ich dieses Jahr eingeladen worden bin, als einziges ausländisches Mitglied (und als einziger weiblicher Vertreter) in der polnischen Jury bei der Wahl des diesjährigen Gra Roku mitzuwirken, konnte ich einige Einblicke in den Ablauf der Abstimmung nehmen. Dazu ist zu sagen, dass in diversen E-Mails sowie persönlichen Gesprächen herausgekommen ist, dass die polnische Jury sich tatsächlich mehr am Deutschen Brettspielepreis orientiert als am Spiel des Jahres und dass dies ein Punkt wäre, den man auch auf der Website klarer herausstellen sollte. Dass man damit nicht in schlechter Gesellschaft ist, zeigen andere Preise wie etwa das Juego del Año, wobei ebenfalls anzumerken ist, das Polens Brettspieleszene wohl auch eher mit der Spaniens vergleichbar ist als mit dem deutschen Spielemarkt, der weltweit als einer der größten und am besten entwickelten gelten muss. Dazu ist hinzuzufügen, dass sich auch Polen in dieser Hinsicht erfreulich gut entwickelt und Brettspiele immer populärer werden, was man schon daran erkennen kann, dass im Vergleich etwa zum Jahr 2000 viel mehr Spiele erhältlich sind – zum Beispiel bei der polenweiten Medienhauskette EMPiK oder in speziellen Brettspieleläden, die es vor 10 Jahren noch gar nicht gab. Ebenso zeugen Spiele-Festivals wie Gratislavia oder Pionek sowie die in vielen polnischen Städten regelmäßig stattfindenden öffentlichen Spieleabende davon, dass sich die Szene bestens entwickelt, über Spiele dies- und jenseits der Grenzen informiert ist und zunehmendes Interesse am Gemeinschaftserlebnis Brettspiel besteht.
Diese Entwicklung soll ein Preis wie Gra Roku oder Juego del Año weiter fördern, der nicht nur als Kaufempfehlung für die breite Masse dient, sondern auch belegt, dass Brettspiele eben kein Kinderkram sind, sondern dass Menschen sich intensiv damit beschäftigen und Spiele für würdig halten, ausgezeichnet zu werden. Der Preis an sich stellt damit bereits eine Aufwertung des Hobbys dar und gewinnt so an Berechtigung.
Ein weiterer Kritikpunkt aus dem vergangenen Jahr war, dass die Organisatoren noch immer keinen Verein gegründet haben, und somit theoretisch jeder das Logo auf seine Spiele drucken könnte. Natürlich ist das wahr, doch da die Spieleszene noch immer überschaubar ist und sich der Preis schließlich doch eher an die Vielspieler richtet, würde ein solcher Betrug schnell auffliegen und der entlarvte Verlag sich vermutlich nicht an großen Gewinnen erfreuen können. Sollte sich der Gra Roku jedoch weiterentwickeln zu einem Preis wie dem Spiel des Jahres, das gerade eine Kaufempfehlung für die kaum Informierten darstellt, wäre eine rechtliche Absicherung wohl empfehlenswert, wenn nicht notwendig. Bislang funktioniert hier die Selbstkontrolle der Spieleszene.
Ein letzter Punkt, den die Kritiker bemängeln, ist die Art der Durchführung der Abstimmung im Rahmen der Jury. In den Regeln heißt es, die Jurymitglieder sollten sich „nach Möglichkeit“ mit allen im jeweiligen Jahr in Polen erschienenen Spielen, insbesondere jedoch mit den schließlich nominierten fünf, vertraut machen. Sollte das nicht Pflicht sein, lautet dazu die Frage. Ja, sollte es, zumindest was die letzten fünf Spiele angeht, die bei den Vorabstimmungen aus der Summe der möglichen Spiele als besonders preiswürdig ausgewählt worden sind. Die Menge der Jurymitglieder (16 an der Zahl) sollte bei der Vorauswahl sichern, dass alle Spiele begutachtet werden, da im Durchschnitt jeder eine gewisse Menge an Spielen kennt, unterschiedliche Interessenschwerpunkte bestehen und so die verschiedenen Spieletypen berücksichtigt werden. Was die letzten fünf Spiele angeht, so denke ich, dass alle Jurymitglieder sich – neben allen anderen beruflichen und häuslichen Verpflichtungen – durchaus die Zeit genommen haben, alle zu spielen und zu bewerten. Was hingegen bedauerlich ist, ist meiner Ansicht nach die Tatsache, dass es zu keinem gemeinsamen Treffen der Jury kommen konnte (da alle Mitglieder über ganz Polen verstreut leben und eben auch den genannten Verpflichtungen nachkommen müssen). Ein gemeinsames Spielen und Diskutieren der Spiele nicht nur per Mail wäre sicher wünschenswert. Vielleicht lässt sich dies in einem der folgenden Jahre realisieren.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass auch Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist, d.h. dass durchaus noch Raum für Verbesserungsmöglichkeiten besteht, aber dass es insgesamt doch zu begrüßen ist, dass sich auch in Polen Spielebegeisterte gefunden haben, die es in die Hand genommen haben, einen eigenen Preis ins Leben zu rufen und damit das Hobby einer immer größer werdenden Anzahl an Brettspielfans zu adeln.



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