Man nehme: Eine Handvoll feuriger Phoenixfedern, einige Tropfen Quecksilber, mehrere besonders wohlgeformte Mandragora-Wurzeln, eine Prise frischen Schwefels sowie das Horn eines jungen Einhorns. Abschließend runde man das Ganze mit einem guten Schuss Drachenblut ab – fertig ist der Homunkulus.So oder so ähnlich klingen die Rezepte, welche die jungen Alchemie-Adepten nutzen, wenn sie zum Abschluss ihrer Ausbildung beim Meister Ambrosius als letzte und entscheidende Aufgabe ein künstliches Lebewesen erschaffen sollen. Wem dies gelingt, der wird mit dem Wissen um den Stein der Weisen und sein Geheimnis belohnt. Doch es wird nur einen geben! Denn nur wer die Aufgabe am geschicktesten löst, dem steht der Weg offen in die höheren Sphären der alchemistischen Kunst.
Öffnet man die Schachtel von Kazaam wirft man den ersten Blick in die Hexenküche – eine bunte Mischung aus bunten Zutaten und noch bunteren Homunkulusteilen, außerdem die sechs Alchemie-Adepten und ihre „Arbeitsflächen“ und darüber hinaus, ganz wichtig, das „Rezeptheft“ in dreifacher Ausführung – je nachdem, welcher magischen Sprache sich die angehenden Alchemisten bedienen möchten (zur Auswahl stehen polnisch, deutsch und englisch).
In unserer letzten Alchemistenrunde, in die an dieser Stelle ein Einblick vermittelt werden soll, betraten drei deutschsprachige Adepten die Werkstatt – neben mir selbst und meinem ständigen Mitspieler Jens zählte außerdem Michael Rieneck zu dieser Runde, der durch seine Säulen der Erde zwar nicht unbedingt mit alchemistischen, aber immerhin mit mittelalterlichen Gefilden vertraut ist.
Der erste Eindruck, den bereits die Schachtel selbst vermittelt, ist, dass man es hier mit sehr guter Qualität zu tun hat. Zutaten und Homunkulusteile sind aus dicker Pappe gestanzt, die gut in der Adeptenhand liegen. „Fühlt sich schön an“, lautete Michaels Kommentar, dem man nur zustimmen kann. Hingegen fallen die Alchemistenkarten, etwa DIN A4-große Pläne, auf denen die Homunkuli entstehen sollen, etwas ab, da sie nur aus dickerem Papier gefertigt sind – doch weil sie ohnehin bloß auf dem Tisch vor dem jeweiligen Spieler liegen, ist dies eigentlich kein Makel, zumal sie mit schöner graphischer Gestaltung und Hochglanzdruck bestechen.
Sie zeigen jeweils den Homunkulus, den der Adept am liebsten baut und seine dazu am liebsten verwendete Zutat sowie ein Bild des Adepten selbst bei der Arbeit. Es ist nicht zu leugnen, dass die andernorts mehrfach bemängelte „Pokémon-Optik“ keine aus der Luft gegriffene Kritik ist. Einige der Homunkuli erinnern tatsächlich an das bekannteste Pocket-Monster Pikachu – in erster Linie sind dies meiner Meinung nach der flauschige Homunkulus auf der gelben Adeptenkarte sowie der hölzerne auf der grünen. Diese beiden wurden in der vorgestellten Runde allerdings nicht ausgelost: Jens zog – von allen beneidet – die graue Karte mit dem skelettartigen Homunkulus, Michael zeigte sich dann aber auch recht zufrieden mit seinem „trotzigen kleinen Drachenteil“ (in orange), und ich erhielt die feurige blaue Karte.
Es macht übrigens gar nichts, wenn man nicht die Karte lost, die man gerne hätte, denn während des Spiels geht es nicht darum, seinen eigenen Homunkulus zusammenzupuzzeln (obgleich dies durchaus Vorteile hat). Vielmehr muss man die neun Felder auf der eigenen Karte möglichst schnell mit den nötigen Körperteilen füllen – als da wären: ein rechtes und ein linkes Ohr, der Kopf, der Korpus, ein rechter und ein linker Arm, rechtes und linkes Bein sowie ein Schwanz.
Wer zuerst ein neuntes Teil auf seiner Karte ablegt, ruft die Zauberformel „Kazaam“ aus und beendet damit das Treiben in der Alchemistenwerkstatt, und es folgt die Bewertung der geschaffenen Kreaturen.
Bis es dazu kommt, sind allerdings einige Hürden zu bewältigen – zum einen müssen erst einmal die passenden Körperteile aus dem verdeckten Stapel herausgefischt werden, und zum anderen baut man dann doch nicht jeder Körperteil x-beliebiger Homunkuli ein, sondern wartet meist ab und sucht nach möglichst vielen passenden eigenen Teilen, denn bei der Bewertung am Ende bringen sie zusätzliche Punkte.
Und folgendermaßen vergibt Meister Ambrosius diese Punkte:
Zunächst bekommt derjenige, der die magische Formel ausgesprochen, also das letzte Teil seines Geschöpfs eingefügt hat, 4 Punkte zugesprochen. Dann zählt jeder Adept die sichtbar ausliegenden Körperteile seiner Kreatur. Pro Ohr, Hand und Bein erhält er 1 Punkt, für Kopf, Korpus und Schwanz je 2 Punkte. Je einen weiteren Punkt erhält er pro offen ausliegendem Körperteil, das mit der Vorlage darunter übereinstimmt. Und sollte er gar nur solche passenden vor sich liegen haben, also kein einziger sichtbarer fremder Homunkulus-Körperteil, bekommt er noch einmal pro Körperteil 1 zusätzlichen Punkt. D.h. mit Ohr, Hand und Fuß kann man je maximal drei Punkte erreichen, mit Kopf, Korpus und Schwanz je vier.
Doch zurück in die Werkstatt und zum Beginn des Spiels. Zunächst beginnen alle Spieler mit je drei Plättchen, die sie aus dem Stapel mit Homunkulus-Teilen ziehen. Jedes Plättchen zeigt einen bestimmten Körperteil sowie eine Reihe von Zutaten. Letztere benötigt man, um den eigenen Homunkulus zu bauen und zu beleben, doch startet man ohne auch nur das kleinste Tröpfchen Drachenblut. Woher also nehmen? Ganz einfach, man extrahiert Zutaten aus nicht benötigten Körperteilen, indem man ein Plättchen auf den Ablagestapel legt und sich die darauf angegebenen Zutaten aus dem allgemeinen Vorrat nimmt. Jedes Mal, wenn ein Adept Zutaten extrahiert, bekommt er außerdem seine Lieblingszutat (oben auf der Adeptenkarte abgebildet) gratis dazu. Der Vorrat an Drachenblut, Quecksilber etc. ist allerdings begrenzt, so dass gerade im Spiel zu viert oder fünft Zutaten knapp werden bzw. ausgehen können, wenn mehrere Personen die Taktik nutzen, erst einmal viele der magischen Elemente zu sammeln, bevor sie sich an den Bau ihrer jeweiligen Kreatur machen. Der Bau ist dann der Weg, auf dem sich die Vorräte wieder füllen, denn pro angelegten Körperteil muss der Adept die auf dem Plättchen angegebenen Zutaten verwenden und in den Vorrat zurücklegen.
Die Taktik, den Vorrat leer zu fegen, die ich in anderen Testrunden mit mehr Mitspielern schon beobachtet habe, hat zwar den Vorteil, dass den Mitspielern eventuell nötige Zutaten ausgehen, sie also im Gegensatz zu einem selbst nicht jeden Körperteil sofort ausgelegen können, andererseits allerdings passiert es auf diese Weise leicht, dass man selbst ins Hintertreffen gerät, da andere Mitspieler Teile des eigenen Homunkulus bei sich verwenden und einem außerdem mit ihren bereits belebten Körperteilen das Arbeiten erschweren können.
Denn auch dies ist wichtig zu wissen – der Adept belebt seinen Homunkulus nicht erst mit dem Ausruf „Kazaam“ am Spielende, sondern bereits der erste ausgelegte Körperteil beginnt zu leben und seinem Schöpfer behilflich zu sein. Dabei haben die verschiedenen Teile unterschiedliche Funktionen:
Mit dem Ohr lauscht man, was bedeutet, man darf einem Mitspieler in die Karten schauen.
Mit der Hand stibitzt man, d.h. man kann einem Mitspieler eine Karte aus der Hand ziehen.
Mit dem Bein wird gescharrt, was heißt, dass man den Ablagestapel durchsehen und ein beliebiges Plättchen auf die Hand nehmen darf.
Mit dem Korpus wird verdaut – dies bringt einem 3 beliebige Zutaten aus dem Vorrat.
Mit dem Schwanz kann man schlagen und Plättchen (eigene oder des Gegners) markieren oder sogar auf den Ablagestapel befördern.
Mit dem Kopf allerdings kann man eine beliebige Funktion, die ein Gegner ausführen will, annullieren.
Um diese Fähigkeit jeweils nutzen zu können, muss das Plättchen markiert werden. Das geschieht, indem man es auf die Rückseite dreht. Markierte Plättchen zählen am Ende bei der Schlusswertung nicht mit, was durchaus nützlich sein kann, wenn der Homunkulus zu beispielsweise 7 Stück aus eigenen Teilen besteht und nur 2 fremde Körperteile darunter sind. Werden diese beiden vor der Wertung markiert, zählen sie nicht mit, und der Spieler kann sogar 2x7 Bonuspunkte für die eigenen Teile einstreichen.
Ist ein Spieler an der Reihe, darf er jeweils 3 Aktionen ausführen:
- eine Karte vom Stapel nachziehen
- Zutaten extrahieren (indem er Plättchen abwirft und Zutaten aus dem Vorrat nimmt)
- ein Körperteil ausspielen (indem er die Zutaten ab- und das Plättchen auslegt)
- die Funktion eines ausliegenden Körperteils nutzen (indem er es markiert, also umdreht)
- Markierungen entfernen (d.h. alle umgedrehten Plättchen wieder auf die Vorderseite wenden)
Was folgte, war Lob und Kritik in Kürze, was ich an dieser Stelle als Zusammenfassung wiedergeben möchte:
Lob:
- "1A-Qualiät" – das Spiel sieht gut aus und fühlt sich gut an (nur der Einleger ist unten etwas wabbelig geraten, doch die Einteilung in verschiedene Fächer ist nützlich, da so nicht alles durcheinander fliegt und man zu Spielbeginn weniger sortieren muss).
- Der Bezahlmechanismus ist zwar simpel, aber doch schön und sehr passend auf das Thema zugeschnitten.
- Das Spiel insgesamt ist einfach und übersichtlich, birgt aber doch jede Runde wieder Spannung (was lässt sich aus den 3 Aktionen herausholen…; spielt das Losglück mit…)
- Das Spiel ist auch bzw. gerade für Gelegenheitsspieler geeignet sowie für Familien mit Kindern – sowohl vom Spielmechanismus wie auch vom Thema her.
- Das Thema selbst ist zeitgemäß und entspricht dem derzeit dominierenden Fantasy-Element in der Kinder- und Jugendliteratur (die - siehe Harry Potter - auch von Erwachsenen nicht verschmäht wird). Selbst die in den Beispielen in der Anleitung genannten Personen tragen Namen, die dem Potter-Leser nicht unbekannt sein dürften: Minerva und Severus (wobei es passenderweise Severus ist, der den etwas gruseligen Skelett-Homunkulus zusammensetzt).
- Die Anleitung ist sehr schön gestaltet, übersichtlich aufgebaut und verfügt auf der Rückseite über eine (für die ersten Runden sehr nützliche) Kurzanleitung.
- Einige wenige Hand- und Fußteile sind auf den ersten Blick nicht gleich zu erkennen, so dass es da zu Verwirrung kommen kann.
- Zu schwach in der Funktion ist das Ohr im Vergleich zu den anderen Körperteilen. Die Aktionen sind gewöhnlich zu wertvoll, um eine davon für einen Blick in die Handkarten eines Mitspielers zu verschwenden.
- Man sollte auch nicht in einem schwach beleuchteten Raum spielen (obgleich es zum Thema passt), da es dann eher schwer fällt, die Zutatensymbole auf den Plättchen zu erkennen.
- Problematisch empfanden wir vor allem die 4 Punkte, die derjenige bekommt, der das 9. Teil auf seiner Karte auslegt und so das Spiel beendet. Er ist damit schon der einzige Spieler, der neun Plättchen liegen hat (und somit potentiell mehr Punkte bekommen kann), und dazu erhält er noch die Bonus-Punkte, die in ihrer Anzahl den Grundwert einer vollständigen Außenspalte (also Ohr, Hand, Fuß – je ein Punkt) übersteigen (4:3). Bisher war es bei all meinen Spielen denn auch so, dass derjenige, der das 9. Teil legte, auch der Gewinner nach Punkten war. Inwieweit sich diese Beobachtung verfestigt, bleibt in weiteren Spielen zu testen.
- Ein weiteres Problem sah vor allem Michael in der Funktion des Schwanzes, mit dem man teure Teile zerstören und außerdem gezielt dafür sorgen könne, dass jemand nicht gewinnt. Dazu müssen sich allerdings mindestens zwei Spieler verbünden und systematisch einen anderen attackieren. In unserer Spielrunde wäre das sicher hilfreich gewesen, um Jens aufzuhalten, aber getan haben wir es trotzdem nicht, da Aktionen wertvoll sind und man sich fragen muss, ob man sie zur Zerstörung nutzt oder lieber so schnell wie möglich den eigenen Homunkulus vervollständigt. Meiner Meinung nach ist der Schwanz durchaus wichtig – auch um ggf. bei sich selbst unerwünschte Teile loszuwerden und durch bessere zu ersetzen. Außerdem ermöglicht er eine aggressive Spielweise, die manch einem Spieler sicher Freude bereitet, aber die (gerade im Familienspiel) nicht unbedingt genutzt werden muss.
Auch unsere deutsche Spielerunde zog eine insgesamt positive Bilanz. Für Vielspieler wird Kazaam sicherlich nicht das abendfüllende Spiel sein, aber für eine entspannende Partie nach einem denkintensiven Strategiespiel ist es auch hier durchaus geeignet.
für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.
Spiellust-Punktometer
Gesamtnote: 8/10 (als Familienspiel)
Strategie /Taktik: 4/10
Glücksfaktor: 8/10
Interaktion: 7/10
Material: 9/10
Preis-Leistung-Verhältnis: 9/10
Spielinfos:
Titel: Kazaam
Spielerzahl: 2 - 5
Alter: ab 8
Spieldauer: 45 - 60 min
Verleger: Wolf Fang
Autoren: Małgorzata Majkowska, Tomasz Z. Majkowski
Spielregel: polnisch, deutsch, englisch
Spielmaterial:
* 70 quadratische Plättchen mit den Einzelteilen des Homunkulus
* 96 runde Spielmarken mit den Alchemiezutaten
* 6 Alchemistenkarten
* (6 Adeptenmarker)
* Spielregeln in drei Sprachen



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