Essener Feder für Jamaica - Ein Blick in eine vorbildliche Spielanleitung

09.10.2008

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Ohne Anleitung geht es nicht – das ist wohl jedem Spieler klar. In den meisten Fällen ist das Regelstudium der erste Schritt auf dem Weg zu einem neuen Spielvergnügen – doch leider ist das Lesen manch einer Spielanleitung gerade kein Zuckerschlecken. Zu lang, zu kompliziert, unstrukturiert oder farblos. Zu viel Text, zu wenig erklärende Bilder – wer ist nicht schon einmal an einer schlecht geschrieben Spielregel verzweifelt. Hat man nicht das Glück, ein Spiel von einem Kenner erklärt zu bekommen, ist eine gut verständliche Anleitung die halbe Miete. Ein Beispiel für eine (fast) rundum gelungene Regel bietet Jamaica von Malcolm Braff, Bruno Cathala und Sébastien Pauchon, das vergangenes Jahr bei GameWorks erschienen ist. Somit ist das Spiel inzwischen zwar nicht mehr ganz neu, aber anlässlich der Verleihung der Essener Feder sollen auch jetzt noch ein paar Worte dazu gesagt werden.

Die Piraten von Jamaica kreuzten bereits im Juni vergangenen Jahres meinen Weg, als ich bei der Vorbereitung einer Studienfahrt mit Sébastien Pauchon beim Göttinger Spieleautorentreffen ins Gespräch kam. Mein Projekt bestand darin, im Zusammenhang mit einem Übersetzungsworkshop, bei dem ein polnisches Piratenspiel ins Deutsche übertragen werden sollte, eine Studienfahrt nach Deutschland zu organisieren. Die teilnehmenden Posener Studenten lernten so den deutschen Brettspielmarkt und verschiedene Personen aus diesem Bereich kennen. Darunter auch den Schweizer Spieleautor Sébastien Pauchon, der 2007 gleich mit seinem Erstling Yspahan eine Nominierung zum Spiel des Jahres erreicht hat.

Da sich unser Workshop um das polnische Piratenspiel Piraci - Córka Gubernatora drehte, war Pauchons zu dem Zeitpunkt noch unveröffentlichtes Spiel Jamaica für uns natürlich von großem Interesse. – Insbesondere die Gestaltung der Spielanleitung, von der wir zuvor schon gehört hatten, dass sie sich vom Durchschnitt abhöbe. Das stimmt in der Tat:
Gleich nach dem Öffnen der Schachtel, die wie eine Schatztruhe gestaltet ist, leuchtet einem zunächst ein Goldberg entgegen (die Rückseite der Spielanleitung) und vervollständigt den Eindruck, tatsächlich eine Schatzkiste geöffnet zu haben. Nach einem Blick unter den Goldsegen ist klar, dass diese Piraten aus den Bergen kommen, d.h. es sich um ein Schweizer Spiel handeln muss: Es herrscht 100%ige Ordnung. Jedes Teil hat im Einleger seinen vorgestanzten Platz, nichts fliegt lose in der Schachtel herum – alles wirkt genau durchdacht.

Ordnung muss sein – auch bei der Anleitung: Bei der Gestaltung der Spielregeln haben Pauchon und seine Co-Autoren einige Überlegungen angestellt, wie uns der Autor selbst auf der SPIEL 07 erläuterte. Die Grundidee sei gewesen, das Regelwerk möglichst einfach visualisierbar zu machen und alles bildreich zu erklären. Herausgekommen ist ein ca. 64 x 61cm großes Poster, das wie eine Landkarte gestaltet ist. Auf 7 Inseln und einem Stück Festland sind alle Aspekte der Regeln erläutert und zwar thematisch sortiert: pro Insel ein Thema, d.h. Insel 1 umreißt den ganzen Spielablauf. Genauere Informationen zu den einzelnen Spielschritten wie „Aktionen“, „Schlacht“, „Schätze“ oder „Spielende“ finden sich entsprechend auf den übrigen Inseln. Auf dem Stück Festland wird schließlich noch einmal alles kurz in Textform zusammengefasst und eine 2-Personen-Regel angefügt. Pfeile zwischen den Inseln verweisen zudem darauf, welche weiteren Ereignisse an welcher Stelle eintreten können.

Die Rückseite des Posters enthält eine Auflistung der Spielelemente nebst Einführung ins Thema sowie ein Bild der Startaufstellung und eine Beschreibung der Charaktere. Alles ist sehr bunt gestaltet, und man hat sich insgesamt sichtlich viele Gedanken über das Design gemacht, denn auch die Aktionskarten ergeben beispielsweise aneinandergelegt ein einziges Bild, was zwar nicht spielrelevant ist, aber dennoch Spaß macht.
Der einzige Nachteil der Anleitung in dieser Form ist ihre Größe, die für ein schnelles Nachlesen im Zweifelsfall eher hinderlich ist, was allerdings den Autoren bewusst gewesen sein dürfte, denn sie empfehlen, vor Spielbeginn gemeinsam die Anleitung durchzugehen und auf keinen Fall zu beginnen, bevor nicht alle Inseln erkundet worden sind.

Insgesamt hat Jamaica den Preis für die beste Spielregel eindeutig verdient, denn sie ist nicht nur schön anzusehen, sondern vermittelt einen leichten Spieleinstieg auf im wahrsten Sinne des Wortes überschaubare Weise. In der heutigen Zeit, in der in fast allen Bereichen viel mit visueller Darstellung gearbeitet wird, sind auch bei der Erklärung von Spielregeln Bilder inzwischen unverzichtbar geworden. Lange, stark textbasierte und bilderarme Spielanleitungen wirken wenig anziehend, da sie nicht nach schnellem Spielspaß aussehen, sondern eher dem modernen Regelleser einiges abverlangen und den Spielbeginn (sofern noch keiner der Spieler mit dem Spiel vertraut ist) mitunter lange hinauszögern. Experimente wie interaktive Spielanleitungen im Internet wie z.B. unter www.profeasy.de, der Spiele von Klaus Teuber in deutscher oder englischer Sprache quasi vorspielen lässt, oder beigelegte CD-Roms wie etwa bei einigen Spielen des ZOCH-Verlags, die ebenfalls einen animierten oder abfotografierten Spielablauf vorführen, bestätigen den Trend, weg vom reinen Text, verstärkt auf Visualisierung zu setzen. Jamaica stellt in dieser Hinsicht ein gelungenes Beispiel dar, das sogar ohne elektronische Hilfsmittel auskommt.

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