Wypas

16.09.2008

Nachdem es zuletzt einer britischen Schafherde an die Wolle gehen sollte (vgl. Fleeced) kommen nun in Wypas die polnischen Schafe nicht ungeschoren davon. Auf zu neuen Weiden!

Die Packung von Wypas entspricht in Aufbau und Format denen von Táin und Mustang, und vom Design kommt sie wie auf einer Schäfchenwolke daher – unzählige flauschige weiße Wolltiere auf himmelblauem Hintergrund wimmeln auf und in der Spieleschachtel umher – auf sämtlichen Spielkarten, der Zählleiste und den Anleitungen. Letztere gibt es in vier Sprachen: das polnische Original sowie Übersetzungen ins Deutsche, Englische und Französische. An dieser Stelle eine kleine Anmerkung zur deutschen Version der Spielregeln: Wie pomimo zuvor in seiner Rezension schon berichtet hatte, war die erste Übersetzung eine ziemliche Katastrophe und sollte seiner Meinung nach unbedingt ersetzt und aus der Schachtel entfernt werden. Der Verlag hat auf solche kritische Anmerkungen tatsächlich schnell reagiert und eine neue Übersetzung anfertigen lassen – die alte allerdings lag bei meinem Exemplar noch bei, so dass ich den Vergleich anstellen konnte. Und da muss ich den polnischen Kritikern Recht geben, die Anleitung glich eher einer noch zu überarbeitenden Rohübersetzung und war nur schwer verständlich. Da außerdem die richtigen Angaben, wie viele Siegpunkte man jeweils für seine Schafschur bekommen sollte, fehlten, wäre das Spiel für rein deutschsprachige Personen gar nicht korrekt spielbar gewesen (die Informationen konnte man nur aus den Anleitungen in den anderen drei Sprachen entnehmen, wobei es wiederum an anderer Stelle in der englischen Übersetzung zu kleineren Abweichungen gegenüber der polnischen Regel kommt, wenn es etwa um den Einsatz der Sonderkarte „Schwarzes Schaf“ geht). Abgesehen davon ist die erste deutsche Übersetzung eher unfreiwillig komisch, wenn etwa ein schwarzes Schaf eine „Kaserne“ angreift oder ein vom Wolf „aufgefresstes Schaf auf den Haufen von ausgenutzten Karten weggelegt werden“ muss.

Es ist natürlich sehr löblich, wenn Spiele für möglichst viele Leute sprachlich zugänglich gemacht werden sollen, doch zeigt dieses Beispiel auch, dass man von Verlagsseite besser nichts ungeprüft übernehmen, sondern stets noch einen Korrekturleser bemühen sollte. Die Hauptsache bei Wypas ist jedoch, dass die neue Version der Spielregel – trotz des einen oder anderen kleinen Rechtschreibfehlers, der sich noch darin befindet – nun auch den deutschsprachigen Spielern den Weg auf die Weiden eröffnet und dem Scherspaß jetzt nichts mehr im Wege.


Eine Partie Wypas


Die Spielkarten

Die Spielkarten, das Hauptelement von Wypas, sind von guter Qualität in Leinenstruktur und schön gestaltet. Die Hirten, die zu Beginn aussortiert werden und in deren Rolle die Spieler schlüpfen, sind dabei eindeutig polnisch… in traditioneller Goralen-Tracht werden sie zumindest dem deutschen Polen-Urlauber bekannt vorkommen, der einmal seine Ferien in der Hohen Tatra verbracht hat (Achtung, Reise-Tipp!). Der Dieb hingegen könnte von überall her kommen – wie auch die Tiere, welche neben den genannten weißen Schafen, noch Schäferhunde, Wölfe und schwarze Schafe umfassen. Die weißen Schafe sind die normalen Spielkarten, während es sich bei allen anderen Karten um Sonderkarten handelt, die im Gegensatz zu den normalen Schafskarten jederzeit spielbar sind. Mit diesen Karten kann man dem Gegner Karten aus der Hand (Dieb) oder einem seiner Gehege (schwarzes Schaf) stehlen, ein Schaf fressen lassen (Wolf) oder jede dieser drei Aktionen abwehren (Schäferhund).

Hauptsächlich spielt man jedoch mit den Schafskarten, die es in vier Farben und unterschiedlich nummeriert vorliegen – so gibt es rote Karten mit den Zahlen von 1-4, gelbe von 1-5, grüne von 1-6 und violette von 3-6. Diese gilt es zu sammeln. Und zwar bekommt jeder Spieler eine Hirtenkarte, mit der er zwei Gehege kontrolliert, in denen Schafskarten nach bestimmtem Prinzip abgelegt werden dürfen. Entweder sammelt man Schafe unterschiedlicher Farben mit dem gleichen Zahlenwert (also, grüne 3, gelbe 3 usw.) oder Schafe einer Farbe in aufsteigender Zahlenreihe (d.h. hat man beispielsweise bereits eine grüne 3 und 4 liegen, darf man daran keine 6 anlegen, sondern nur eine 2 oder eine 5; erst wenn die 5 liegt, darf auch die 6 hinzugefügt werden).

Neben den normalen Schafskarten gibt es auch noch zwei verschiedene Joker – nämlich Dolly und Super-Dolly, wobei Dolly jeden beliebigen Wert einer bestimmten Farbe annehmen kann (also etwa auch bei rot eine 5, die es eigentlich bei den roten Karten gar nicht gibt) und Super-Dolly jeden Wert jeder beliebigen Farbe.


Die verschiedenen Karten


Spielablauf

Man spielt in Runden, die sich jeweils in 5 Phasen aufteilen. Zu Beginn erhält jeder Spieler 5 Karten und derjenige Spieler, der zuletzt im Gebirge war, die nur einmal im Spiel vorhandene Karte des Oberschäfers. Damit wird er zum Leiter der Runde, der in der ersten Phase zunächst drei (bzw. bei nur 3 Spielern zwei) Karten zieht, ansieht, eine verdeckt auf den Tisch legt, den Rest offen. Dann werden die Karten versteigert, wozu die Spieler ihre Schafskarten nutzen (es zählen die Zahlenwerte). Sind alle Karten versteigert (bzw. wenn niemand sie haben will, automatisch an den Oberschäfer gegangen), folgt Phase 2, der Schaftrieb. In dieser Phase darf jeder Spieler Handkarten in die Gehege überführen – nach den oben erwähnten Regeln. Als Drittes folgt die Schafschur: Wer will, kann eine oder beide seiner Herden scheren, d.h. sie vom Tisch entfernen und Siegpunkte kassieren (die gibt es ab 2 Karten, aber natürlich erhält man umso mehr Punkte, je mehr Karten man im Gehege hat). Allerdings muss man – analog zum Pfeifen bei Fleeced – bei Wypas laut „Beeeee“ sagen, sonst verliert man die Schafe.

Um zu markieren, wie viele Herden man schon geschoren hat, legt man die Kartenstapel neben sich ab, denn nachdem der erste Spieler seine 5. Herde geschoren hat, wird nur noch die Runde fertig gespielt und das Spiel endet. In Phase 1 bis 3 spielt sich eigentlich das ganze Geschehen ab, denn in Phase 4 verteilt der Oberschäfer nur je 3 neue Karten an die Mitspieler bevor in Phase 5 die Oberschäferkarte selbst an den linken Nachbarn weitergegeben wird.


Zählleiste mit "Fan"


Kommentar

Wypas ist insgesamt ein leichtes, schnelles Spiel (die Zeitangaben auf der Spieleschachtel variieren zwischen 15-30 und 15-45 Minuten), das auf zwei bekannten Elementen beruht – dem Versteigern und dem Sammeln. Je mehr Personen am Spiel beteiligt sind, desto knapper sind die Karten und kommt es zu umso mehr Interaktion. Da man mit nur zwei Gehegen auch nicht sehr viele Anlegemöglichkeiten hat, heißt es stets zu überlegen, ob man lieber mehrere Runden auf passende Karten warten oder doch besser eine kleine Herde scheren soll, um überhaupt Punkte zu machen und das Gehege schnell wieder frei zu bekommen, um andere Schafe von der Hand dort ablegen zu können. Da es auch nur während der Phase der Schafschur möglich ist, ein Gehege zu leeren, ist ein schnelles Ablegen guter Handkarten oft nicht möglich. Wenn beide Gehege besetzt sind, muss man auf jeden Fall mit dem Ausspielen der Schafskarten bis zur nächsten Runde warten. Auch die auf einen ausgespielten Sonderkarten können einen Sammelerfolg schnell zunichte machen, so dass man sich auch in dieser Hinsicht fragen muss, ob es lohnt, auf Kartenglück zu hoffen.

Für Vielspieler bietet Wypas nicht viel Neues, Gelegenheitsspieler, Schaf-Fans und Kinder dürften hingegen durchaus ihren Spaß daran haben. Dafür, dass Kinder eine direkte Zielgruppe sind, spricht nicht nur der Vermerk „6+“ auf der Schachtel, sondern auch, dass man blöken muss, um eine Schafherde zu scheren, was den meisten Erwachsenen vermutlich eher doch zu albern ist. Außerdem eröffnet die Tatsache, dass sich in Polen der Markt für Brettspiele gerade erst so richtig entwickelt und viele bisherige „Nicht-Spieler“ nach einfachen Spielen fragen, den Schafen von Wypas gute Weidegründe. Denn Versteigern und Sammeln sind schließlich nicht nur altbekannte, sondern auch sehr beliebte Spielelemente, die Neueinsteigern noch nicht so geläufig sind wie Vielspielern und eine Menge Spielspaß bieten.

Wir bedanken uns herzlich beim Kuźnia Gier -Verlag
für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.


Spiellust-Punktometer

Gesamtnote: 7/10 (als Spiel für Kinder, Schaf-Fans und Gelegenheitsspieler)
Strategie /Taktik: 5/10
Glücksfaktor: 7/10

Interaktion:5/10
Material: 8/10
Preis-Leistungs-Verhältnis: 7/10


Spielinfos:


Titel: Wypas
Spielerzahl: 3 - 6
Alter: ab 6
Spieldauer: 15-30 bzw. 45 min
Verleger: Kuźnia Gier
Autoren: Michał „Puszon“ Stachyra, Maciej „Sqva“ Zasowski
Spielregel: polnisch, deutsch, englisch, französisch

Spielmaterial:
* 110 Spielkarten
* 1 Zählleiste
* 6 Spielsteine
* Spielregeln in vier Sprachen

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